Regionale Besonderheiten der Eisenverhüttung im Ruhrgebiet
Im Ruhrgebiet beginnt die Eisenerzeugung im Hochofen im internationalen und nationalen Vergleich relativ später. Sowohl Pionierregionen wie Coalbrookdale in England, als auch verschiedene Eisen erzeugende Regionen in Deutschland beginnen schon wesentlich eher mit der Verhüttung von Eisen. Selbst in angrenzenden Regionen wie dem Siegerland, dem Raum zwischen Rhein, Eifel und Hunsrück, aber auch am nördlichen Niederrhein gibt es bereits vor der ersten Eisenhütte im späteren Ruhrgebiet erste Hochöfen.
Hüttenfaktoren und Pächter der frühen Ruhrgebietshütten kommen aus den benachbarten Regionen und bringen von dort technische Kenntnisse mit. Wichtigstes Beispiel ist Gottlob Jacobi, der bei seinem Vater, dem Direktor der Sayner Hütte am Rhein, die Hüttentechnik erlernt hat.

Gottlob Jacobi (1770-1823), Hüttendirektor der Hütten Neu-Essen und St. Antony, Miteigentümer der Hüttengewerkschaft und Handlung Jacobi, Haniel & Huyssen
(Repro: Rheinisches Industriemuseum /LVR)
Auch Technologien aus anderen Ländern werden in die Region transportiert. So bereist beispielsweise der preußischen Fabrikenkommissar Eversmann um 1800 die englischen Erzeugungsstätten als Beispiel für eine entwickelte Stahlregion und bringt vielfältige Neuerungen in die Region. Er regt auch die Besitzer und Pächter der ersten Ruhrhütten zu Experimenten an. Es kommt zur Installation des ersten Kupolofens auf der St. Antony-Hütte. Auch werden dort Schmelzversuche mit teilweise entschwefelten Ruhrkohlen durchgeführt, die jedoch scheitern.
Doch hält sich die eigentlich bereits nicht mehr konkurrenzfähige Technik der Verhüttung mittels Holzkohlen im Ruhrgebiet noch bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Erst als bessere Erze an der Ruhr gefunden werden und der örtliche Bergbau in Tiefen vorstößt, die das Fördern einer Kohle erlauben, die verkokt werden kann, wird auch die Technik der Verhüttung mittels Koks eingeführt.

Friedrich August Alexander Eversmann: Übersicht der Eisen- und Stahlerzeugung auf Wasserwerken in den Ländern zwischen Lahn und Lippe, Dortmund 1804, Titelblatt
(Repro: Rheinisches Industriemuseum /LVR)
Der erste Kokshochofen geht 1849 auf der Friedrich Wilhelms-Hütte in Mülheim in Betrieb. In rasanter Folge werden danach große auf Kokseinsatz basierende Hüttenwerke errichtet, so dass die knappen regionalen Erze schon bald nicht mehr reichen. Erze aus anderen Revieren müssen herbeigeschafft werden. Das Ruhrgebiet entwickelt sich zur wichtigsten Industrieregion Europas.

Hochofenwerk der Friedrich Wilhelms-Hütte zwischen 1872 und 1875 in Mülheim an der Ruhr
(Fotograf unbekannt; Quelle: ThyssenKrupp Konzernarchiv, Duisburg)